Demnächst startet die dritte Staffel von "Die Ausreißer – Der Weg zurück". Man hat das Gefühl, die Fälle werden immer krasser. Eine Ausreißerin hatte mit neun ihren ersten Freund, ein Ausreißer stahl schon mit sieben Jahren. Welcher Fall war für dich in dieser Staffel der härteste?
Thomas Sonnenburg: Kategorien, wie schwer und leicht, treffen nicht den Kern meiner Arbeit. Auf jeden Jugendlichen und sein Schicksal muss ich mich einstellen, jeder Mensch verlangt von mir eine andere Herangehensweise und eine unverfälschte Sicht auf die Bedürfnisse, Handlungsschritte und Interventionen.
Die Fälle in dieser Staffel sind eine spannende Herausforderung für mich und mein Team. Seit dem Bestehen meiner Homepage Anfang des Jahres 2009, gehen immer mehr Eltern den Weg, darüber den direkten Hilferuf zu starten. Dies ist eine vorerst anonyme Form und kommt direkt bei mir an. Die Problematiken in den Familien sind dieses Mal unheimlich vielschichtig und nicht vordergründig, so dass mein Einfühlungsvermögen, meine Behutsamkeit und psychologisches Gespür noch viel mehr gefragt waren.
Bei Ausreißerin Mandy aus der ersten Folge wurdest du mit der ungewöhnlichen Situation konfrontiert, dass diesmal nicht die Eltern, sondern die Ausreißerin selbst um Hilfe bat. Wie kam es dazu?
Thomas Sonnenburg: Seit Anfang des Jahres betreibe ich meine Homepage www.thomas.sonnenburg.de. Auf der gibt es einen Link: "Kummerkasten". Es hat mich am Anfang sehr verwundert, dass sehr viele Menschen diesen Link nutzen, um sich von mir direkt Hilfe zu erbitten oder die Vermittlung zu anderen Institutionen und Einrichtungen wünschen. Sehr schnell wurde mir klar, dass viele der Menschen kaum Anlaufstellen in ihrer Umgebung kennen, geschweige denn, diese nutzen. Es gibt und gab einen riesigen Beratungsbedarf in allen Fragen des Lebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen.
Viele der Eltern baten mich auch um meine konkrete Hilfe auch im Zusammenhang mit dem Fernsehformat. So wie Eltern diese Möglichkeit nutzten, gab es auch zahlreiche Jugendliche, die für sich oder ihre Freunde Rat suchten. So auch Mandy. Sie schrieb eine Mail, in der sie auf ihre Probleme und Sorgen aufmerksam machte und mich auf diesem Weg um Hilfe bat.
Auch in dieser Staffel erleiden viele Ausreißer während der Betreuung Rückfälle. Verliert man da nicht manchmal den Mut? Woher nimmst du die Motivation, diese manchmal hoffnungslos erscheinenden Fälle nicht aufzugeben?
Thomas Sonnenburg: Ich habe einen unerschütterlichen Glauben, das vieles in meiner täglichen Arbeit nicht im ersten Anlauf gelingen kann und muss. Alle Jugendlichen, mit denen ich arbeite und gearbeitet habe, erleben viele Frustrationen, Demütigungen, Verletzungen und machen sie zu dem empfindlichen, verletzbaren Wesen, dass ich nach vielen Odysseen auf der Straße treffe. Bei solchen Biografien kann ich nicht davon ausgehen, schnelle und erfolgreiche Resultate zu präsentieren. Ich habe mich in meiner nunmehr 17-jährigen Praxis daran gewöhnt, mich zu bescheiden. Es ist für viele der Jugendlichen eine erste große Hürde, Vertrauen zu mir zu haben. Wissen Sie, wie großartig das Gefühl ist, wenn ein Junge, der immer der coole ist, plötzlich an einem Seil am Sandsteinfelsen im Elbsandsteingebirge hängt und seine Füße zittern wie das Nähmaschinenrattern an einer Singer-Nähmaschine, weil er Angst hat, den nächsten Schritt zu wagen? Er klettert trotzdem hoch oben auf den Felsen und liegt dir dann auf dem Gipfel in den Armen. Da ist ein Gefühl von großer Nähe, von Vertrauen und Glauben in die eigene Kraft und Stärke. Da ist etwas, was man nicht beschreiben kann… Das ist Beziehungsarbeit und dafür lohnt sich jeder Rückschlag dieser Welt, das zu erleben!!
Ausreißer Mario leidet an ADHS. Wie äußerte sich das und war das für dich eine besondere Herausforderung?
Thomas Sonnenburg: Das Thema ADHS ist besonders viel diskutiert im Hinblick auf schulische Anforderungen und die Schwierigkeit, mit Kindern die ein solches Syndrom haben, umzugehen. Sie fallen im Schulalltag auf, weil sie unkonzentriert, hyperaktiv und wenig belastbar sind. Ich habe Mario und seine Familie kennen gelernt, als Mario dieses Martyrium, in der Schule immer als der Außenseiter zu gelten, schon hinter sich hatte. Wir wissen auch nicht, welche Langzeitauswirkungen dieses Syndrom auf Erwachsene hat. Mario hat sich mit Sicherheit lange Zeit als Versager gefühlt. Seine Eltern haben ihn immer versucht, zu unterstützen und ihm alle Hilfen geboten. Sie haben Marios Rückzug und Ausbrechen aus der häuslichen Sicherheit nicht verstanden. Mario hat sie nie an dem, was ihn innerlich bewegt, was ihn seelisch kaputt macht, beteiligt. Er konnte schwer über seine Gefühle über seine Sorgen und Nöte sprechen.
Unsere Zusammenarbeit hat die Familie wieder ein Stück näher gebracht. Ich möchte dem Film nicht zu viel vorweg nehmen, aber hier passiert etwas, was in der Sozialarbeit nicht so häufig vorkommt, hier zeigen wir eine kleine Erfolgsgeschichte.
In vielen Folgen bewegst du die Familien zu einer ungewöhnlichen Vertrauensübung. Woher nimmst du diese kreativen Ideen der Familienzusammenführung?
Thomas Sonnenburg: Jede Familie hat ihre ganz eigenen, gemeinschaftlichen Erlebnisse in ihrer Geschichte. Glücksmomente, die jede Familie so viele Probleme und Sorgen sie auch gemeinsam hatten und haben, erlebten. Diese positiven Anknüpfungspunkte versuche ich in den Biografien der Familien aufzuspüren. An diesen Erlebnissen möchte ich anknüpfen und sie aufleben lassen. Die Fronten zwischen den Familienmitgliedern sind oft schon so verfestigt und betonhart, dass sie sich an glückliche, entspannte und freundvolle Momente in ihrem Leben kaum noch erinnern. Aber genau das ist mein Fokus. Ich möchte diese festgefahrenen Strukturen in den Gesprächen, in den Wiedersehen und Begegnungen durchbrechen und sie an andere Gefühle aus der Vergangenheit erinnern. Dazu helfen solche Brücken, die Rückbesinnung auf ein Zusammensein, jenseits dieser Spannungen und Verletzungen.
Manchen Ausreißern folgst du sogar bis in andere Länder. Kennt deine Unterstützung auch Grenzen?
Thomas Sonnenburg: Was das Reisen anbetrifft, illustriert es in großem Maße die verschiedenartigen Wege unserer Ausreißer. Viele von ihnen müssen viel Land zwischen sich und ihren Familien lassen, um wieder frei atmen zu können und dem, was sie erlebt haben, für lange Zeit den Rücken kehren. Meine Entscheidung, jemanden von so weit weg zurück zu holen, ist immer eine sozialpädagogisch begründete Maßnahme. Es gibt Jugendliche, die einen längeren Aufenthalt an einem Ort nicht ertragen, weil sie damit verbinden, über sich und ihre Lebensumstände nachdenken zu müssen. Sie brauchen diese "Fluchten" als ständige Ablenkung, immer wieder neue Abenteuer zu erleben, immer wieder neue Leute kennen zu lernen. Ein Verweilen an einem Ort heißt für sie, sich mit unliebsamen Gedanken und Gefühlen auseinander setzen zu müssen. Dieses Reisen ist für sie Überlebensstrategie. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, muss ich mich auf ihren Lebensstil einlassen und unter Umständen auch tausende von Kilometern reisen.
Grenzen bilden für mich keine Kilometer, die ich auf mich nehmen muss, um den Jugendlichen näher zu sein. Grenzen verlaufen für mich an einer ganz anderen Stelle. Ich kann immer nur Unterstützung geben, wenn die Jugendlichen und ihre Familie diese zulassen. Ich mache keine Versprechungen, die ich nicht einhalten kann. Ich werde mich auch zukünftig bei den Jugendämtern für die Belange der Jugendlichen stark machen. Aber hier gibt es oft die vehementesten Grenzen der Unterstützungsangebote. Hier gilt es noch sehr viel an Überzeugungsarbeit zu leisten, um sich gegenseitig als Ressource zu nutzen.
Manche Teenager in der Sendung sind erst 14 Jahre alt. Reißen die Jugendlichen heute immer früher von zu Hause aus? Wie kommt es dazu?
Thomas Sonnenburg: Das Familienleben hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Sowohl die Familienzusammensetzungen, als auch die Einflüsse von außen und die Anforderungen an die Erziehung der nächst folgenden Generationen sind starken Veränderungen ausgesetzt. Mit diesen Phänomenen versuche ich mich gemeinsam mit meiner Mitautorin Simone Winkelmann in meinem Buch "Die Ausreißer - Der Weg zurück: Krisen erkennen, Strategien entwickeln, Handeln" (erscheint 4. 1. 2010) anzunähern und uns damit praxisnahe und gut verständlich auseinander zu setzen. In den Familien erleben wir heute immer häufiger, das Streits aus dem Ruder geraten und die Familie keine Strategien entwickelt hat, um sich ruhig und konstruktiv mit Problemen auseinander zu setzen. Sehr schnell wird gebrüllt, verletzt, körperlich gezüchtigt und zu guter Letzt auch weg gerannt. Heute wird dieses Weglaufen als gängiges Mittel benutzt, um Eltern unter Druck zu setzen, dem Willen der Jugendlichen nachzugeben. Allerdings ist dieses Druckmittel nicht gleich zu setzen mit dem Ausreißen, das ich in meinem Arbeitsalltag erlebe. Dazu gehören, wie vorher schon beschrieben, mehrere Faktoren. Allgemein lässt sich aber sagen, dass die Hemmschwelle, einfach mal eine Nacht weg zu bleiben und damit ein Zeichen zu setzen und den Eltern damit zu signalisieren: "So weit gehe ich", doch schon erheblich gesunken ist.
Viele deiner Schützlinge, wie der 17-jährige Daniel, reißen aus, um auf der Straße ihre Freiheit zu leben. Kannst du diesen Wunsch nachvollziehen?
Thomas Sonnenburg: Dem Terminus "Freiheit" begegne ich bei all meinen Jugendlichen, und jeder von ihnen hat eine andere Definition dafür. Mit Ausreißern verbindet man automatisch den Willen, unabhängig, autonom und selbst bestimmt zu leben. Ich versuche mit den Filmen, diesen Bedürfnissen auf den Grund zu gehen. Aber ist es wirklich die Freiheit, die diese Jugendlichen suchen? Was sucht Daniel tatsächlich? Ein Leben in einem so verfallenen Haus, dass er bei Minus 16 Grad auch gleich draußen schlafen kann? Jeden Abend so viel Alkohol zu trinken, dass er überhaupt einschlafen kann? Was ist der Grund, dass er dieses Leben dem in dem warmen Zimmer zu Hause in der Kleinstadtidylle vorzieht?
Aus meiner Sicht steht Freiheit als Synonym für Ausbruch aus einem Dilemma - Weg, weit weg, um nicht mehr Schmerz, Verletzung und Angst zu empfinden. All die Jungen und Mädchen mit denen ich arbeite suchen nicht Freiheit im philosophischen Sinne. Sie suchen einen Ort, an dem sie ihren Verletzungen nicht mehr schutzlos aufgeliefert sind. Sie suchen eine räumliche Trennung, um den Menschen, die sie lieben, die sie aber täglich aufs Neue enttäuschen, nicht mehr zu begegnen. Sie alle sind an einem Punkt angelangt, an dem der seelische Schmerz nicht mehr zu ertragen ist und die Straße der unausweichliche Zufluchtsort wird.
Quelle: Presseinformation von RTL, www.rtl.de
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