von Nils Dietrich
Essen (RPO). RTL ist ein sehr hilfsbereiter Sender: Mit "Raus aus den Schulden", "Rach, der Restauranttester" und diversen anderen Formaten greifen die Kölner in Not geratenen Menschen unter die Arme. Am Mittwoch lief die zweite Staffel der preisgekrönten Reality-Sendung "Die Ausreißer" an: Zum Auftakt hatte der Sozialarbeiter Thomas Sonneburg es mit einem besonders schweren Fall zu tun.
Die 14 Jahre alte Nicole dürfte die personifizierte Horrorvorstellung der bundesdeutschen Eltern sein: Von zu Hause ausgerissen, verbringt sie ihre Zeit mit dubiosen Punk-Freunden, Alkohol und Hasch auf dem Berliner Alexanderplatz. Ihre Erzeuger haben RTL zur Hilfe gerufen, denn sie wissen nicht mehr weiter. Der Sender schickt Streetworker Thomas Sonnenburg. In seiner Anamnese lässt sich bereits erahnen, was Nicole von zu Hause vertrieben hat.
Die Mutter, frisch trockene Alkoholikerin, lebt weit entfernt in Bayern. Mit dem Vater muss Nicole sich ein Schlafzimmer teilen. Auf die Frage nach Intimsphäre für seine pubertierende Tochter gerät er ins Stocken: "Da steckt man ja nicht drin." Dann macht Sonneburg sich auf die Suche nach Nicole, die Kamera ist ihm stets auf den Fersen.
Im Gespräch mit der Teenagerin, die mit ihrer Ersatzfamilie aus Gleichgesinnten am Alexanderplatz abhängt, erfährt er viel und doch wenig über deren Motive. Nicole philosophiert von einer "verlorenen Kindheit" und flüchtet sich in Allgemeinplätze, zeigt dem verdutzten Sozialarbeiter auf ihrem Handy Fotos von selbst beigebrachten Verletzungen.
Sonnenburg, der stets einfühlsam und bedacht vorgeht, kann mit der Zeit das Vertrauen des Mädchens gewinnen. An dieser Stelle zeigt sich, was "Die Ausreißer" von anderen Sendungen dieses oder artverwandten Zuschnitts unterscheidet: Der Streetworker wird Nicole ein ganzes Jahr begleiten, über Höhen und Tiefen, mit regelmäßigen Rückschlägen. Denn Nicoles Bedürfnis, verpasste Zeit nachzuholen, ist sehr ausgeprägt. Sie will sich nicht an Regeln halten, hält Absprachen nicht ein und setzt letztlich das Leben ihres ungeborenen Kindes aufs Spiel.
Bevor es dazu kommt, vermittelt Sonneburg mehrmals vor allem zwischen Nicole und der Mutter. Ihr Verhältnis entspannt sich mit der Zeit: Beim ersten Treffen droht die Jugendliche noch mit Schlägen ("Ich könnte dir jetzt so eine scheppern!"), später zieht sie, bereits hochschwanger, zu ihrer Mutter. Am Ende muss sich Sonnenburg gar um zwei Menschen Sorgen machen, denn Nicole raucht und kifft trotz Schwangerschaft weiter - selbst die mahnenden Worte des Frauenarztes bringen sie nicht zur Räson. An dieser Stelle wird deutlich, dass hinter der Fassade der teils unnahbar wirkenden jungen Frau ein verletztes und verletzliches Mädchen steckt, das in eine tiefe Sinnkrise gerutscht ist.
Der Zuschauer erlebt diese Höhen und Tiefen mit: Sonneburg will Nicole auf einen Jugendhof mit Tieren vermitteln, doch sie lehnt angesichts von Pflichten und einem geregelten Leben ab. Auf Hoffnung folgt Kopfschütteln und darauf schlichtweg Ärger - ein Zyklus, der mehrmals während der mit zwei Stunden deutlich zu langen Doppelfolge durchlaufen wird. Dieser "Und- täglich-grüßt-das-Murmeltier"-Effekt geht sicherlich zu Lasten des Unterhaltungswerts, aber hier geht es schließlich nicht um Unterhaltung, sondern um ein menschliches Schicksal.
Leider wird die Machart der Sendung, die erst im letzten Oktober den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste-Reality-Sendung" gewann, diesem Ansatz nicht immer gerecht. Manchmal wünscht man sich etwas mehr Distanz der Kamera, wenn Nicole beispielsweise einen Weinkrampf bekommt und sich zurückziehen möchte - oder beim Gynäkologen eine Ultraschalluntersuchung machen lässt. Der Einsatz von Musik aus dem Off erinnert von Auswahl und Frequenz her an "Bauer sucht Frau". Zusammen mit dem Sprecher, der zwischen Vorwürfen, Gefühlsduselei und Pathos wankt, wirkt das manchmal übertrieben und fast kitschig.
Letztlich lebt sie Sendung von ihren Protagonisten: Thomas Sonnenburg, der nur zu seinen Bedingungen mitmacht, traut man zu, dass er den Jugendlichen aus dieser Situation helfen kann. Auch er stößt sichtbar an seine Grenzen, aber er gibt nicht den omnipotenten und allwissenden Übermenschen. Das ist authentisch und macht viel aus. Nicole ist ein wandelnder Aufreger, leider wird ihre Geschichte nicht zu Ende erzählt, denn die Geburt des Kindes kommt nicht mehr vor. Die inzwischen 15-Jährige zieht in ein Mutter-Kind-Haus, das wars. Trotzdem ist die Sendung sehenswert, denn sie zeigt das, was viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht sehen wollen.
Gleichzeitig verfolgt sie einen nachhaltigen Ansatz, denn Sonneburg nimmt sich wirklich Zeit für seine Schützlinge und schaut nicht mal eben wie die "Super Nanny" ein paar Mal vorbei. An vergleichbare Formate wie die ZDF-Dokumentationsreihe "37°" auf dem Zweiten kommt "Die Ausreißer" von Machart und Umsetzung her aber nicht heran.
Quelle: BBV-Net
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