Thomas Sonnenburg (45) kümmert sich für die Fernsehserie „Die Ausreißer“ um Jugendliche, die auf der Straße leben. Über die Arbeit mit der 16-jährigen Sarah aus Köln (heute, 20.15 Uhr, auf RTL) sprach der Streetworker mit Anna Hagebusch.
Kölnische Rundschau: Was war für Sie die Herausforderung bei der Zusammenarbeit mit Sarah?
Thomas Sonnenburg: Sarah gehört eigentlich nicht zu den klassischen Ausreißern. Sie war mal länger, mal nur kurz von zu Hause weg. Ihre Mutter hatte schon eine lange Geschichte mit dem Jugendamt hinter sich. Hauptproblem war der Konflikt mit dem Stiefvater, der selbst nur wenig älter ist als Sarah. Die Mutter sollte sich zwischen den beiden entscheiden und hat keinen Weg gefunden, mit dieser Konfliktsituation umzugehen. Also ist Sarah immer wieder abgehauen.
Oft mussten Sie sie suchen, unter anderem bei den Straßenkindern, die sich in der Nähe von Dom und Hauptbahnhof aufhalten. Wie haben Sie dieses Umfeld erlebt?
Dazu muss man wissen, dass es im Bereich der Straßen- und Obdachlosenarbeit sehr viel verbrannte Erde gibt: Viele Hilfseinrichtungen haben mittlerweile Angst vor Öffentlichkeit und blocken ab. Bei „Gulliver“ am Hauptbahnhof haben mich die Mitarbeiter aber als Fach- und nicht als Fernsehmann gesehen. Wenn ich nach Sarah gesucht habe, war dort die wichtigste Anlaufstelle.
Sie arbeiten mit den Jugendlichen, die Sie betreuen, immer über einen längeren Zeitraum zusammen. Wie haben Sie versucht, Sarah zu helfen?
Ich denke, sie hat durch die Zusammenarbeit mit mir letztlich den Glauben an die Erwachsenenwelt zurückgewonnen: Mit mir hat sie Beständigkeit erlebt. Wir haben unheimlich viel zusammen gemacht, wovon vieles gar nicht im Fernsehen zu sehen ist, zum Beispiel eine Ernährungsberatung. Und als wir in den Bergen waren und sie sich aus 20 Metern Höhe abgeseilt hat, hat sie gelernt: Wenn du den Berg bezwingst, kannst du auch dich selbst bezwingen. Am Ende ist sie ganz selbstständig zum Jugendamt gegangen, um sich Hilfe zu holen.
Wie hat sich für Sie persönlich die Tätigkeit als Streetworker gewandelt, seitdem Sie hin und wieder bei Ihrer Arbeit von Fernsehkameras begleitet werden?
Allgemein ist die Straßenarbeit in den letzten Jahren sehr viel mobiler geworden: Viele Jugendliche nutzen das Internet, haben eigene Foren. Darüber können wir sie kontaktieren. Außerdem haben so gut wie alle ein Handy – wenn auch kein Guthaben. Dann rufen sie mich an, lassen einmal klingeln, und nehmen so Kontakt mit ihr auf. Weil andererseits aber in diesem Bereich immer mehr gespart wird, brechen viele Anlaufstellen weg. Ich bin der Meinung: Nicht alles kann der Staat machen, es muss auch private Initiativen geben. Und da kann Öffentlichkeit helfen. Wenn man da sensibel genug ist, kann man richtig was erreichen.
Das scheinen auch andere so zu sehen: Im Oktober haben Sie den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Reality-Sendung“ bekommen. Hat sich seit dem Erhalt dieser Auszeichnung irgendetwas für Sie verändert?
Jar nischt. Aber es hat mich sehr stolz gemacht, dass meine Arbeit von einer unabhängigen Jury anerkannt wurde: Ich habe einfach versucht, meine gesamte Persönlichkeit in die Sendung einzubringen, authentisch zu sein. Ich bin immer noch wie die Leute draußen. Nur der Druck ist vielleicht größer geworden. Wenn mehr Leute zugucken, hat man auch eine größere Verantwortung.
Aus: Kölnische Rundschau vom 14.01.2009, Seite 34
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