Von Markus Brauck.
Der Wohlfahrtsstaat geht in die Binsen. Die Jugendlichen enden in Suff, Drogen und Kriminalität, und mit dem Geld ist auch kein Auskommen mehr. Da ist es beinahe ein Trost, dass wenigstens das Sozialstaatsfernsehen von RTL mit allen diesen Problemen neuerdings spielend fertig wird.
Dass es einer im Fernsehen zu ein bisschen Ruhm gebracht hat, erkennt man spätestens daran, dass er irgendwann auf allen Kanälen parodiert wird. In letzter Zeit konnte man ziemlich oft Persiflagen auf Peter Zwegat sehen, den Schuldnerberater von RTL.
Harald Schmidt hat ihn nachgespielt, wie er mit baumelnder Aktentasche am Arm und Sorgenfalte auf der Stirn ein tadelndes "Mann! Mann! Mann!" ausstößt und saumselige Schuldner zu mehr Sparsamkeit anhält.
Auch Günther Jauch und Bastian Pastewka haben Zwegat nachgeahmt, und es ist nicht schwer, den Reiz, den diese Figur auslöst, zu erahnen. Der Schuldnerberater personifiziert in seiner väterlichen Strenge und Hilfsbereitschaft so etwas wie die Idealform des guten alten Sozialstaats.
Wenn er in die Wohnung tritt, sich die Probleme anhört und Lösung in Aussicht stellt, dann ist das auf altmodische Weise beruhigend. So wie zu Zeiten, als der Arzt noch zu Hausbesuchen kam oder das Volk Norbert Blüm noch traute, wenn er sagte, die Rente sei sicher.
Doch während Blüm sich heute nur noch auf Kabarettbühnen in Rückzugsgefechten übt oder auf der Couch von Sandra Maischberger im Takt federt, spielt Schuldnerberater Zwegat eindeutig die Heldenrolle.
Jede Geste belegt und jede Kameraperspektive bekennt: Hier kennt einer den Ausweg aus der Misere.
Diese Inszenierung funktioniert nur, weil Zwegat, der seit 20 Jahren als Schuldnerberater in Berlin arbeitet, ebenso erfahren wie glaubwürdig ist.
So ähnlich wie Zwegat machen beim Privatsender RTL auch der Streetworker Thomas Sonnenburg ("Die Ausreißer"), die Pädagogin Katharina Saalfrank ("Die Super Nanny") und die Jugendtherapeutin Annegret Fischer Noble ("Teenager außer Kontrolle") Fernsehkarriere. Die Quoten aller dieser Sendungen sind gut oder sehr gut. Jedes Mal schauen drei, vier, manchmal fünf Millionen Menschen zu.
Es ist erstaunlich: Der Sozialstaat ist auf dem Rückzug. Das Vertrauen der Deutschen in seine Leistungen, etwa in ihre Altersvorsorge, sinkt. In Umfragen beklagt sich eine wachsende Mehrheit über steigende Ungerechtigkeit. Im Wahlkampf malen Politiker das Bild eines Landes, das seiner kriminellen Jugendlichen nicht mehr Herr wird. Und im Fernsehen steigen Sozialarbeiter zu Helden auf und vermitteln die Botschaft: Wenn du ein Problem hast - mit ein bisschen eigener Anstrengung und unserer Hilfe kommst du da raus.
Anders als in einer Unzahl von Help-TV-Formaten, in denen Wohnungen und Beziehungen ein bisschen neue Farbe bekommen, geht es hier nicht mehr allein um das private Glück, sondern um soziale Probleme, mit denen sich auch die Politik herumschlägt.
Am Mittwoch dieser Woche startet die zweite Staffel der Doku-Soap "Teenager außer Kontrolle". Genau auf dem Feld, auf dem Hessens Ministerpräsident Roland Koch vor ein paar Wochen einen Wahlkampf für sich zu entscheiden suchte, tritt Annegret Fischer Noble auf, als eine Art Jeanne d'Arc im Kampf mit Jugendlichen, die saufen, treten, dealen und ihre Mutter "Fotze" nennen. Wo sonst keiner mehr helfen kann - sie schafft es.
Vielleicht ist dieses Kunststück gar nicht mal so groß, wenn man bedenkt, dass die Jugendlichen 8000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt in der amerikanischen Wüste mit Zelt und Rucksack ausgesetzt werden und ziemlich abhängig sind von ihren Betreuern.
Die Outdoor-Therapie von Fischer Noble ist weit entfernt von jeder Kuschelpädagogik. Am Anfang werden erst einmal Piercings, Zigaretten, Schmuck und Handys eingesammelt, die eigenen Klamotten werden gegen Einheitskleidung eingetauscht.
Selbstverständlich sind die jugendlichen Biografien die reinsten Katastrophen, bis Fischer Noble eingreift. Selbstverständlich ist sie erfolgreich. Widerspenstige Kotzbrocken werden innerhalb weniger Wochen zum Entzücken ihrer Eltern.
Das Teenager-Camp ist ein Mittelding zwischen luxuriösem Therapie-Wandern für ausgeflippte Kinder und "Unterwerfungsritualen", wie es ein kritischer Erziehungswissenschaftler zur ersten Staffel anmerkte. Die bayerische Familienministerin Christa Stewens fühlte sich damals an "Dressur und Drill" erinnert und meinte, das Format tauge nicht zum Vorbild für verunsicherte Eltern. Doch das war lange vor Roland Kochs Wahlkampf.
Die Eltern, die ihre Kinder in die Obhut von RTL geben, haben offenbar ohnehin keine andere Hoffnung mehr und nur noch Reste von Stolz. Man sieht das daran, wie sich die Familien den Zuschauern vorstellen: "Mein Name ist Jürgen Eckert", sagt ein Vater, zeigt erst auf die Frau neben sich: "Das ist meine Ex-Frau Evi Eckert" - und dann auf seinen Sohn, der sich im Hintergrund rumdrückt: "Und das dahinten ist der Serieneinbrecher Andreas."
Der Vater eines Sohnes, der in die rechte Szene abgedriftet ist, sagt dann auch, warum das RTL-Camp der letzte Ausweg ist für seinen Sohn: "Sämtliche Schulpsychologen und Jugendämter - es hilft dir ja keiner." Die Deutschamerikanerin Fischer Noble findet diese Haltung ziemlich passiv: "Die deutschen Eltern erwarten immer, dass der Staat ihnen hilft."
Und wenn er es nicht tut, was bleibt einem als Vater da schließlich anderes übrig, als einen Vertrag mit einem Fernsehsender zu unterschreiben?
Das Sozialstaatsfernsehen hat wenig zu tun mit dem "Unterschichtenfernsehen", das der Historiker Paul Nolte vor drei Jahren anprangerte und in dem Arbeitslose sich selbst gegenübersaßen und zelebrierten, wie sie sich eingerichtet hatten am unteren Rand der Gesellschaft.
Beinahe missionarisch vertreten dagegen Zwegat, Sonnenburg, Saalfrank und Noble die Überzeugung, dass sich die Dinge auch ändern können. Gefilmt werden nicht einfach mehr Asoziale und Schmarotzer, sondern Menschen, die Hilfe brauchen - und einen Anstoß, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Rund vier Millionen Deutsche schauen im Schnitt zu, wenn der Streetworker Thomas Sonnenburg in der RTL-Reihe "Die Ausreißer" versucht, Jugendliche von der Straße zu holen. Seine Fälle enden nicht immer gut. Vor zwei Wochen etwa starb David, einer der Jugendlichen, die in der Reihe zu sehen waren, vermutlich durch Selbstmord.
Eine andere Ausreißerin, Jenny, die mit 17 Jahren den Schnaps flaschenweise soff, unterzog sich zwar einem Entzug, machte dann aber eine Kehrtwende und landete wieder auf der Straße.
Was Sonnenburg zeigt, ist keine leichte Unterhaltung. Weil er aber unerschütterlich freundlich und zuversichtlich auftritt, macht er das Abstoßende sympathisch. Sein erklärtes Ziel: "Ich will zeigen, dass der Penner an der Ecke kein Arschloch ist, sondern ein Mensch mit einer Geschichte." Die 45-minütigen Filme, die sich jeweils mit einem Jugendlichen beschäftigen, sind zusammengeschnitten aus monatelanger Dauerbegleitung mit und ohne Kamera.
Sonnenburg arbeitet seit 15 Jahren als Streetworker, und er hat beobachtet, "dass die Menschen sensibler geworden sind, weil immer mehr selbst ein Problem haben". Die gleiche Erfahrung macht er, seit seine Arbeit im Fernsehen zu sehen ist. Ausreißerin Jenny etwa, die früher auf der Straße von Passanten öfter getreten worden sei, könne sich jetzt, wenn sie vor McDonald's schnorre, "vor Cheeseburgern kaum noch retten", seit ihr Fall zu sehen war.
Vor ein paar Tagen, erzählt Sonnenburg, habe er, als er Jenny aufsuchen wollte, beobachtet, wie "so ein Anzugträger, vermutlich ein Banker", sich auf Augenhöhe zu Jenny hinhockte und sie zu überreden versuchte, doch wieder Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Als er bei "Stern TV" im Internet-Chat Fragen beantwortete, schalteten sich 80 000 User dazu. Fast 7000 hatten Fragen an ihn.
"Ich bin kein sozialer Hero", sagt Sonnenburg. Trotzdem fragte ihn neulich eine Frau, ob er nicht den Nintendo ihres Sohnes signieren könne. Das fand der Streetworker eher lästig.
Vielleicht ist diese Entwicklung auch nur folgerichtig. Wenn man die Bundesbürger fragt, welchen Menschen sie am meisten vertrauen, dann landen die RTL-Stars Günther Jauch und Peter Kloeppel auf den Plätzen eins und drei, vor Bundespräsident Horst Köhler (5.) und Altkanzler Helmut Schmidt (17.). Vor allen aktiven Parteipolitikern rangieren sie sowieso. Warum sollten die Deutschen dann nicht auch in Sachen Sozialstaat lieber Fernsehstars vertrauen?
Die Protagonisten des realen Sozialstaats finden die Konkurrenz auf dem Bildschirm indes eher hilfreich. "Das wertet unsere Arbeit auf", sagt Tina Rehder, Schuldnerberaterin der Arbeiterwohlfahrt Schleswig-Holstein. Es kommen Ratsuchende auf sie zu, erzählen von der Schuldenshow und sagen, da hätten die Leute aber großes Glück gehabt, den Herrn Zwegat von RTL zu bekommen. "Das meiste, was er macht, machen wir auch", sagt Rehder dann.
Manchmal allerdings schraubt der Fernsehmann auch die Ansprüche der Klienten in die Höhe.
Denn so intensiv wie sich Peter Zwegat mit einem TV-Sender im Rücken um jeden Einzelfall kümmert, können es die Schuldnerberater des Alltags nicht leisten. Der Fernsehmann hat viel Zeit. Er fährt zu den Gläubigern. Ihm kippen die Schuldner ihren ganzen Papierkram einfach auf den Tisch - die Arbeit erledigt er quasi in der Werbepause. Zwegat rückt den Banken auf die Pelle, spricht mit der weiten Verwandtschaft der Schuldner.
"Ich dachte, Sie sind so gut wie der von RTL", nölte da schon mancher Ratsuchende, wenn er seine Unterlagen selbst ordnen musste oder erfuhr, dass es keinen dieser Verhandlungstermine mit der Bank gebe, die bei Zwegat immer wie ein Showdown inszeniert sind, sondern bloß Briefverkehr.
In der Realität warten Schuldner in Großstädten manchmal ein Jahr bis zum ersten Beratungsgespräch. Es bleibt wenig Zeit für den einzelnen Fall. Jedenfalls viel zu wenig, um Verhalten zu ändern.
"Vor zehn Jahren", sagt Schuldnerberaterin Mechtild Kuiter-Pletzer, "habe ich noch Hausbesuche gemacht." Doch das gibt es heute nur noch im Fernsehen.
Die Kassen werden leerer. Die sozialen Risiken steigen. Viele Kommunen sparen die Stellen von Sozialarbeitern ein. Hilfe wird knapp und zu einem Luxusgut. Und Luxus lieferte das Fernsehen schon immer am liebsten.
Am Ende ist dann das Fernsehen tatsächlich besser als der Sozialstaat. In Moskau lieferte dafür eine skurrile TV-Show den Beweis. Der Sender NTW kooperierte mit einem privaten Rettungsdienst, der oft schneller am Einsatzort war als staatliche Notdienste. Der Preis für die rasche Hilfe: Die Lebensrettung war im Fernsehen zu sehen.
Gefunden auf: www.spiegel.de
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