Thomas Sonnenburg

Mobiler Helfer

Aus: TV Today, 30.12.2008

Interview: Frank Aures für TV TODAY 

Nichts ist gestellt: Streetworker Thomas Sonnenburg über seine Dokureihe "Die Ausreißer - Der Weg zurück".

Jenny, 17, lebt auf der Straße, trinkt drei Flaschen Schnaps am Tag; der dunkelhäutige Jeremy ist nach Berlin abgehauen, weil er in seinem Heimatort in Mecklenburg-Vorpommern regelmäßig von Rechtsradikalen verprügelt wurde.

Schicksale wie diese kennt Thomas Sonnenburg durch seine langjährige Arbeit als Streetworker zur Genüge. Seit dem vergangenen Jahr kennen sie auch die Fernsehzuschauer. In "Die Ausreißer" zeigt er nun erneut, welche Hilfestellungen er Jugendlichen, die von zuhause weggelaufen sind, aber auch deren Eltern anbieten kann. "Die Ausreißer und ihre Geschichten wirken nach und fragen, wie wir miteinander leben wollen", befand die Fernsehpreis-Jury und adelte das Format mit ihrer Auszeichnung. Im Interview erzählt Thomas Sonnenburg von seinem ungewöhnlichen Job.

Guten Tag, Herr Sonnenburg. Schön, dass Sie es einrichten konnten. Sie sind momentan nicht leicht zu treffen...

THOMAS SONNENBURG: Ja, ich bin viel unterwegs. Gestern Berlin, wo ich mit einer schwangeren 15-Jährigen beim Arzt war, danach nach Kiel, um Eltern eine Videobotschaft ihres Sohns zu zeigen, nachher noch in die mecklenburgische Provinz.

Viele Fälle parallel. Bringt man die Schicksale da nicht leicht mal durcheinander?

Nein, ich habe einen sehr guten Kollegenstab, der mir hilft. Vor allem meine langjährige Freundin und Kollegin Simone, eine Schulsozialarbeiterin, die mein persönlicher Inhalts-Coach ist. Die kennt meine Schwächen und Stärken und erarbeitet mit mir die inhaltlichen Schwerpunkte für die Arbeit mit den Jugendlichen.

Bekommen Sie selbst auch eine psychologische Betreuung? Ihre Arbeit ist sicherlich auch sehr belastend.

Ja. Das nennt man in unserem Arbeitsfeld Supervision. Das bringt mir sehr viel. Das brauche aber nicht nur ich. Das brauchen auch die Redakteure vom Fernsehen, die auch rausgehen und mit den Jugendlichen arbeiten.

Ungewöhnliche Maßnahme. Ihre Idee?

Ja. Wir haben auch ein ungewöhnliches Format. Es ist ein Experiment, für das es keine ausländische Vorlage gibt wie etwa für die "Super Nanny". Unser Format wurde in Deutschland entwickelt.

Und was ist daran neuartig?

Wir tauchen sehr lange und sehr intensiv in die Lebenswelten der Jugendlichen ein. Das sind monatelange Prozesse. Eine 45-Minuten-Folge ist das Resultat von zehn bis zwölf Drehtagen. Den Rest der Zeit arbeiten ich und das gesamte Team mit den Jugendlichen.

Sie treffen die Jugendlichen also öfter, als man es im Fernsehen sieht?

Viel öfter. Jenny etwa war allein 60 Tage in einer Entzugsklinik. In dieser Zeit haben ihre Eltern sie genau einmal besucht. Weil wir sie hingefahren haben. Und die Redaktion war 20 Tage vor Ort. Und nie mit einer Kamera. Wir waren für sie da.

Jenny sagt aber in Clips auf youtube.com, dass sie von RTL Geld bekommen hat, um vor der Kamera Schnaps zu trinken.

Ja, ich weiß. Das stimmt aber nicht. Das würde komplett gegen mein Berufsethos verstoßen. Keiner der Jugendlichen oder der Eltern bekommt Geld. Das ist für uns die Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit. Es ist sehr traurig, dass Jenny so vorgeführt wurde. Sie war völlig betrunken, als man sie auf der Straße gefilmt hat.

Kein Geld also. Was wird bei Ihnen gestellt?

Nichts. Bei uns wird nichts gestellt. Punkt. Dafür verbürge ich mich. Ich verstehe, dass die Zuschauer das denken, denn viele Formate arbeiten nicht seriös. Bei uns wird nur gefilmt, was ich mit den Jugendlichen arbeite. Für die Kamera wird höchstens der eine oder andere Gang wiederholt.

Aber Sie haben keinen Einfluss auf die redaktionelle Bearbeitung...

Doch, natürlich. Ich habe mit Jugendlichen viele Medienprojekte gemacht und sogar einen Spielfilm produziert. Mir ist klar, was Schnitt und Musik bewirken können. Darum bin ich auch bei der Endabnahme dabei. Ich bekomme wöchentlich Berichte über die Arbeit der TV-Redakteure. Außerdem habe ich eine vertragliche Rückzugsmöglichkeit. Ich steige sofort aus, wenn es verunglimpfend wird, wenn Dinge provoziert oder gestellt werden.

Warum wollen Sie eigentlich Sozialarbeit im Fernsehen machen?

Die Sendung sensibilisiert die Menschen für bestimmte Themen. Nach der Ausstrahlung ging es Jenny auf der Straße viel besser. Man hat ihr etwa Essen geschenkt. Sie wurde als Mensch wahrgenommen, nicht als faule Punker-Schlampe.

Wollen Ihnen viele Menschen nacheifern?

Nach meinem Auftritt bei "stern TV" habe ich noch im Internet-Chat Fragen beantwortet. 80 000 Menschen haben mitgemacht. Etwa 40 Prozent davon haben sich dafür interessiert, wie sie Streetworker werden können.

Brauchen wir TV-Coachs in Deutschland?

Ja, wir brauchen die so lange, wie der Staat seine Aufgaben nicht erfüllt. Viele Jugendämter machen schlicht ihren Job nicht. Die versagen. Jugendliche bekommen Hilfen nicht, die ihnen rechtlich zustehen. Weil die Jugendämter sparen. Und wenn das Fernsehen ins Spiel kommt, klappt das auf einmal.

Gefunden auf: www.tvtoday.de

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