Von Daniel Dreßler
Thomas Sonnenburg kümmert sich in neuen Folgen von 'Die Ausreißer - Der Weg zurück' (ab 7. Januar, dienstags, 20.15 Uhr, RTL) wieder um Jugendliche, die auf der Straße leben.
Thomas Sonnenburg ist bescheiden. Der 45-Jährige sieht sich als 'Sozialarbeiter, der zum Fernsehen gekommen ist wie die Jungfrau zum Kind'. Als Streetworker betreut er nun schon seit mehr als 15 Jahren Kinder, die von zu Hause weggelaufen sind und auf der Straße leben. Obwohl er anfangs Bedenken hatte, erlaubte Thomas Sonnenburg einem Kamerateam, ihn bei seiner Arbeit zu begleiten - ein mutiger Entschluss, der belohnt wurde. Denn nach gerade einmal einer Staffel von 'Die Ausreißer - Der Weg zurück' gab es 2008 prompt den Deutschen Fernsehpreis für die beste Reality-Sendung.
teleschau: Herr Sonnenburg, Sie wurden 2008 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Thomas Sonnenburg: Zuallererst war es eine große Überraschung. Ich bin kein Medienmensch, sondern ein Sozialarbeiter, der zum Fernsehen gekommen ist wie die Jungfrau zum Kind. Nie hätte ich gedacht, dass wir nach nur wenigen Folgen bereits den Fernsehpreis für die beste Reality-Sendung erhalten würden. Das ist ein großes Kompliment - auch für mich. Es zeigt aber gleichzeitig, dass ehrliche Sendeformate honoriert werden. Das Team von 'Die Ausreißer' wurde auch für die 'Goldene Rose' von Luzern nominiert, einen der bedeutendsten Fernsehpreise weltweit. Wir haben ihn zwar nicht bekommen, aber ich war trotzdem stolz.
teleschau: Trotzdem gibt es Kritiker, die dem Format vorwerfen, dass die Kinder durch solche Sendungen stigmatisiert und vorgeführt werden ...
Sonnenburg: Natürlich, diese Kritik hören wir immer wieder. Ich sehe das aber anders: Wir haben ein Format entwickelt, in dem wir Prozesse aufzeigen wollen. Prozesse, die deutlich machen, was mit diesen jungen Menschen in einer bestimmten Lebensphase passiert. Aber wir führen die Menschen nicht vor. In der neuen Staffel beispielsweise ist eine junge Frau zu sehen, mit der ich seit elf Monaten arbeite. Und in dieser Zeit war die Kamera ungefähr 19 Mal mit dabei. Den Rest der Zeit arbeitete ich mit ihr ganz ohne Fernsehteam.
teleschau: Gehen sie generell so vor?
Sonnenburg: Ja, das war auch die Bedingung, die ich dem Sender stellte. Deswegen ist die Sendung für mich kein Vorführen, sondern eine Draufsicht auf eine Situation. Und ich bleibe auch danach Ansprechpartner für die Betroffenen. Nach jeder Sendung werden sie weiterhin pädagogisch betreut.
teleschau: Was hat Sie dazu bewogen, das Fernsehen an ihrer Arbeit teilhaben zu lassen?
Sonnenburg: Den letzten Anstoß, nach einem längeren Entscheidungsprozess, gab schließlich mein Sohn Alex. Er ist jetzt mittlerweile 16 Jahre alt und bestärkte mich, dieses Experiment mit den Fernsehkameras zu wagen. Am Anfang überlegte ich mir schon, ob ich das machen soll. Es ist ein gefährliches Pflaster, weil die Medien wirklich böse und schlimm sein können (lacht). Aber mein Sohn sagte zu mir: 'Papa, wenn Du so bleibst, wie Du bist, und Du Deine Arbeit so wie immer machst, dann trau Dich!'
teleschau: Was ist ihrer Meinung nach der Grund für den Erfolg solcher Coaching-Formate?
Sonnenburg: Da gibt es mehrere Faktoren. Ein Grund mag sein, dass die Menschen vor dem Bildschirm sitzen und sich denken: 'Denen geht es ja noch schlechter als mir!' Voyeurismus würde hier eine Rolle spielen. Aber ich denke, dass sich immer mehr Menschen die Sendung anschauen, um daraus Schlüsse für ihr eigenes Verhalten zu ziehen. Ich biete in meiner Sendung nichts anderes als Rezepte an, um besser miteinander zurechtzukommen.
teleschau: Welche Rezepte gibt es?
Sonnenburg: Wenn ich beispielsweise Eltern frage, wie die Familie das Abendessen zu sich nimmt, und die Eltern sagen, das Kind isst in seinem Zimmer und die Eltern im Wohnzimmer, dann wäre ein Rezept, das Essen am Abend gemeinsam, als Familie, einzunehmen. Auf diese Weise können sich Eltern und Kinder austauschen, und jeder erfährt etwas vom anderen.
teleschau: Sind diese Rezepte genau zu befolgen oder kann man variieren?
Sonnenburg: Man muss sogar variieren. Das ist schon 'kreatives Kochen' (lacht). Es gibt nicht 'das eine Rezept'. Jeder Mensch ist anders. Dementsprechend muss man sich auch auf den Menschen einlassen. Es gibt zwar ein paar Grundregeln, aber jedes Kind hat seine eigenen Bedürfnisse. In einer der ersten Folgen ging es beispielsweise um ein schwer alkoholabhängiges Mädchen. Als Kind hat es Judo gemacht. Die Eltern haben es bei den ersten Schwierigkeiten in der Schule vom Judo abgemeldet. Also ging ich mit der jungen Frau in eine Judoschule. Ich wollte ihr zeigen, was ihr vielleicht im Leben fehlt. Danach sagte sie zu mir, dass sie seit Jahren das erste Mal wieder glücklich sei. Ich habe mich zu ihr auf Augenhöhe begeben, sie als Persönlichkeit wahrgenommen.
teleschau: Können Sie nach 15 Jahren Arbeit auf der Straße einen 'Trend' bei den jugendlichen Ausreißern feststellten? Sind sie vielleicht jünger als früher?
Sonnenburg: Besonders aufgefallen ist mir, dass es in den Situationen, in denen sich die Ausreißer befinden, eine immer größere Benachteiligung und auch Ausweglosigkeit gibt. Es ist zwar grundsätzlich nicht verheerend, wenn Jugendliche sich ausprobieren und sie ihre eigenen Erfahrungen machen. Aber wenn sie zu lange mit dabei sind, wird es immer schwerer für Sozialarbeiter, mit ihnen zu arbeiten.
teleschau: Wie nah gehen Ihnen die Schicksale, die sie bislang erlebten?
Sonnenburg: Zum Teil sehr nah. Vor allem, wenn die Jugendlichen, die ich betreut habe, freiwillig aus dem Leben gehen. Das gab es leider schon. Da spürt man auch die eigenen Grenzen.
teleschau: Ist unsere Gesellschaft generell kinder- und jugendfeindlich?
Sonnenburg: Nein, das ist übertrieben. Wir sind eine kinderfreundliche Gesellschaft. Was aber auffällig ist: Wir akzeptieren nur sehr schwer anders denkende und anders aussehende Menschen. Wenn es uns gelingt, nicht in jedem Punk auf der Straße einen Asozialen zu sehen, sondern in erster Linie einen Menschen, der eine Geschichte hat, manchmal auch eine tragische, dann haben wir viel erreicht. Das ist vielleicht auch der Erfolg von 'Die Ausreißer': Die Menschen können hinter die Kulissen blicken, weil wir über mehrere Monate drehen und nicht nur ein tragisches Schicksal zeigen, um das wir uns dann nicht mehr kümmern. Das machen die Medien leider noch immer und hinterlassen dabei verbrannte Erde.teleschau: Inwiefern?Sonnenburg: Sie gehen hin, machen eine Bestandsaufnahme und lassen die Kinder in ihrem Dreck liegen. Dann heißt es beispielsweise: Die Punker am Alexanderplatz in Berlin saufen, pöbeln, sind laut und böse. Und natürlich sagen dann alle: 'Scheiß Jugend!' Ich will in meiner Sendung zeigen: Ja, der Jugendliche ist laut, trinkt und baut Mist ... aber warum? Was ist der Grund? Was denken zum Beispiel solche Jugendliche, bevor sie einschlafen? Und vor allem: Wo sind ihre Stärken?
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Gefunden auf: www.monstersandcritics.de
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