Der "Polizeiruf" ging am Sonntag nahtlos in die Talkshow von Anne Will über – aber der Spielfilm bildete die Realität beim Thema Jugendgewalt behutsamer ab als die brachiale Alles-immer-schlimmer-Propaganda der Will. Das fing schon beim Titel an: "Die Kinder-Gangster – Harte Hand start sanfter Worte?" Ein Grad der Differenzierung, zu dem sich sonst nur Sender mit zweistelligem Programmplatz auf der Fernbedienung herablassen.
Es ging bei der Besetzung weiter: Die "harte Hand" vertrat Volker Bouffier (CDU), der mit seinem Herrn und Ministerpräsidenten Roland Koch um den Titel "sympathischster Politiker Hessen" wetteifert, Argumente aber selbst dann nicht hätte vortragen können, wenn die Will denn mal danach gefragt hätte – nach den Besetzungen hessischer Polizeiwachen und Jugendgerichte, nach den hessischen "Erfolgen" in der Kriminalstatistik zum Beispiel.
Ebenfalls auf der Hardliner-Seite saß die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich aber meist wortlos im Glanz ihrer eigenen Bedeutsamkeit sonnte, sowie auf dem Sofa Frank Richter von der Gewerkschaft der Polizei, dessen Betroffenheit ob der Respektlosigkeit der Jugend ein geradezu parkinsonsches Dauerkopfschütteln auslöste.
Farbe in die Angelegenheit bringen sollten der ehemalige Jugend-Intensivtäter und heutige Streetworker Duran Yücel, dessen Sache komplexe Sätze nicht sind, und der ehemalige Polizist und heutige Comedian Murat Topal, der zwar grammatikalisch geradeaus formulieren kann, aber dann Sachen sagt wie: "Manche jugendlichen Straftäter haben geradezu eine Sehnsucht nach der Haftanstalt".
Die Position all dessen, was der Sendungstitel als "sanfte Worte" bezeichnete, sollte offenbar nachhaltig diskreditiert werden, denn als politische Vertreterin war Claudia Roth (Grüne) da. Kostprobe: "Der Kriminell-, Kriminio-, Kriminal- (etc.) also der Herr Pfeiffer, Kriminologe, ist das richtig?, der also hat eine Studie vorgelegt…" Ihr beträchtliches Erregungspotenzial provozierte Will perfide mit gezielt unterkomplexen Fragen à la "haben wir zu lange auf Kuschelpädagogik gesetzt?"
Als einzige Stimme der Vernunft, als einziger nicht vor dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung kurz vor der Explosion stehender Teilnehmer der Runde blieb nur Thomas Sonnenburg, Sozialpädagoge und Streetworker in Berlin, Protagonist der RTL-Dokusoap "Die Ausreißer" und offenbar bis hin zur Physiognomie Vorbild des Sozialpädagogen im vorangegangenen "Polizeiruf". Der probte auch sonst mehrfach den Angriff des Krimis auf die übrige Welt. Da erzählten Polizist und Richterin vom Verhalten der Jugendlichen gegenüber der Staatsgewalt, und die Will sagt doch glatt: "Dann schauen wir uns doch noch mal an, wie diese Jugendlichen mit der Polizei reden." Hallo? Das war ein Spielfilm! Das waren Schau-spie-ler!
Gegen eine solche Verquickung von echt und gespielt sind Guido-Knopp-"Dokudramen" wie "Hitlers Hunde" hochseriös, gegen solches Geschwätz ist das Quaken brünftiger Frösche im Tümpel ein Goethe-Gedicht. Wo ist Frank Plasberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?
Gefunden auf: www.fr-online.de
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