Eisenhüttenstadt (MOZ) 7000 Straßenkinder soll es in Deutschland geben. Einige wenige davon hat ein gebürtiger Eisenhüttenstädter kennengelernt - und Millionen Menschen vorm Fernseher waren dabei. Die Rede ist von Straßensozialarbeiter Thomas Sonnenburg, der am Sonntagabend auf der Kleinen Bühne über sich und die Jugendlichen redete.
Eine ältere Dame im gut besuchten Zuschauerbereich ist an diesem Abend besonders stolz auf den berühmten Sohn der Stadt. Wie gebannt hängt sie an den Lippen des RTL-Stars, der auf der Bühne genauso so lässig daherkommt wie abends im Fernsehen, wenn er als Streetworker versucht, jugendlichen Ausreißern einen Weg zurück zu zeigen. Kapuzenshirt, Jeans, ein Mund, der nie stillstehen will und ein Typ, der vor allem kein Blatt vor den Mund nimmt. Ja, so kennt Barbara Sonnenburg ihren Sohn Thomas. "Der ist auch im wahren Leben so", versichert die ehemalige EKO-Bibliotheksleiterin mit einem Lächeln und spielt auf sein Talent an, Menschen in seinen Bann und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Schon als Kind habe er auf der Bühne gestanden und Gedichte rezitiert. "Er wollte doch mal Schauspieler werden", verrät sie. Sogar "Sonne" - wie ihn Freunde nennen - sagt von sich selbst: "Ich bin ein Frontschwein, ja. Das wissen auch alle, die mich kennen. Aber ich konnte mir meine Authentizität bewahren." Und das sei auch das Rezept dafür, dass die Serie "Ausreißer - ein Weg zurück" erfolgreich geworden ist.
So erfolgreich, dass der nun in Berlin lebende, zweifache Vater den Fernsehpreis dafür erhielt, für den Grimmepreis nominiert war und nun bereits die dritte Staffel dreht, die voraussichtlich Anfang 2010 ausgestrahlt wird. Darin wird auch ein Eisenhüttenstädter auftauchen, erzählt Thomas Sonnenburg. Besser gesagt, ein Ex-Eisenhüttenstädter. Denn der junge Mann wohnt mittlerweile bei Würzburg, nein, er haust vielmehr in einer alten Brauerei - ohne Fenster, ohne Bett. Im Auftrag der Eltern hat der Streetworker ihn gesucht und gefunden. Einen Seitenhieb auf die Polizei kann er sich diesbezüglich nicht verkneifen. "Auch die Polizei würde jeden finden, wenn sie sich Mühe geben würde." Aber die suche nicht, bevor nicht ein Gewaltverbrechen passiert ist, erklärt Sonnenburg. Ob Gewalt auch bei dem Fall des Ex-Eisenhüttenstädters in der Brauerei eine Rolle gespielt hat, verrät er nicht. Dafür erzählt er, dass die Mutter des Ausreißers ihn, Thomas Sonnenburg, sogar persönlich kennt - aus der Schulzeit.
Und genau da hakt rbb-Moderator Gerald Meyer, der durch den Abend führt, nach. "Wie war denn deine Kindheit und Jugend in Eisenhüttenstadt?", will er wissen. Prompt platzt es dem 45-Jährigen heraus: "Das ist ein spannendes Thema." Er habe eine sehr schöne Kindheit gehabt. Und er sei auch phasenweise stolz darauf, dass er aus dieser Stadt kommt, "weil es eine besondere ist", sagt er hinsichtlich der Geschichte als erste neu erbaute sozialistische Stadt auf deutschem Boden. Nach dem Abschluss an der Oberschule begann er dort eine Lehre als Elektromonteur, später arbeitete er drei Jahre als Kranelektriker bei EKO. Das Werk habe ihn auch zum Studium der Kulturwissenschaften nach Meißen delegiert. Danach war er "staatlich geprüfter Klubleiter" und als solcher arbeitete er dann in Eisenhüttenstadt.
Doch 1991 wurde ihm die Stahlstadt zu eng, er zog nach Berlin, war zeitweilig arbeitslos und bewarb sich schließlich bei einem Verein für Straßensozialarbeit namens Gangway. "Damals gab es - man höre und staune - eine Ablehnung als Streetworker. "Aber ich habe das nicht akzeptiert, bin zu denen gegangen und habe gesagt, dass ich das machen will. Und weil damals alles so chaotisch war, durfte ich bleiben."
Mittlerweile ist "Sonne" Diplomsozialpädagoge und sieht Straßensozialarbeit nicht nur als Beruf, sondern als Berufung. "Ich lerne viele Menschen und Schicksale kennen und alle geben mir etwas." Und er glaubt fest, dass Streetwork viel bewegen kann und dass es mehr Streetworker geben müsste. Nicht nur, aber auch weil die Dunkelziffer der Straßenkids weit über der offiziellen Zahl von 7000 liege und weil Straßenkinder ein gesellschaftliches Problem seien, das größer werden könnte.
Von Janet Neiser
Gefunden auf: www.moz.de
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