Thomas Sonnenburg

Die Retter der TV-Nation

Aus: Stadtmagazin Falter (Österreich), 36/09 vom 02.09.2009

Bild: Stadtmagazin Falter

„Ich bin Streetworker, ich bin Thomas Sonnenburg. Ich komm von deinem Papa“, sagt der Mann mit der ruhigen Stimme zu dem jungen Punk, der ihn argwöhnisch beäugt. Misstrauen ist Sonnenburg gewöhnt. Sein Job ist es, dorthin zu gehen, wohin keiner mehr gehen mag. Zu den Straßenkindern, die betteln, saufen, Drogen nehmen. Bei dieser Arbeit kann man ihm seit drei Jahren zuschauen, als Sozialarbeiter und Hauptdarsteller der RTL-Dokusoap „Die Ausreißer – der Weg zurück“. Darin versucht er, junge Menschen wieder von der Straße zurückzuholen.

Stoppelglatze, Jeans, Umhängetasche: Thomas Sonnenburg, 46, schaut so aus, wie man sich den idealen Sozialarbeiter vorstellt. Locker, aber ernsthaft, so tritt der Experte auch in deutschen Polit-Talks auf. Ob Anne Will, Günther Jauch oder Sandra Maischberger sich um die Jugend am Abgrund sorgen, oder ob seine Klienten Ärger mit der Polizei haben – Sonnenburg ist nichts Menschliches fremd. Fast 17 Jahre Sozialarbeit sind ein gutes Trainingslager fürs Fernsehgeschäft.

Den Job als Streetworker in Berlin hat der Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler für ein Leben als Coach am Set eingetauscht. Derzeit dreht er die dritte Staffel von „Die Ausreißer“ und ist dazu jeden Tag in einer anderen Stadt bei einem anderen Fall unterwegs. „Ich mache meine Arbeit so, wie früher auch. Nur ist eben die Kamera dabei“, sagt Sonnenburg in einer Drehpause. Und was ist mit den Regeln des Unterhaltungsfernsehens, dem Voyeurismus, der bedient werden will? „Natürlich ist das manchmal eine Gratwanderung. Aber ich lasse nur zu, was ich verantworten kann und was den Jugendlichen nicht schadet. Sonst würde ich aufhören“, meint Sonnenburg – und man nimmt ihm die Aufrichtigkeit seines Bemühens ab. Auch die professionellen Kritiker tun das. 2008 erhielt der Sozialarbeiter der Nation den renommierten Deutschen Fernsehpreis.

Leute wie er sind die neuen Helden des Echtmenschen-TV, wie es hierzulande auch ATV produziert. Die deutschen Privatsender machen eine Art Sozialstaatsfernsehen und erreichen damit jedes Mal drei, vier oder fünf Millionen Zuseher. Die TV-Anstalten, allen voran RTL, schicken dafür ihre Experten aus, den Schuldnerberater, Mediator oder Sozialarbeiter. Diese Coachingformate gelten als der Zukunftsmarkt im Reality-TV. Sie bieten Lebenshilfe plus Unterhaltung – ein effektives Rezept. Schmuddelsendungen wie „Big Brother“ interessieren die Zuschauer hingegen immer weniger. Die Formate neueren Zuschnitts beschäftigen sich mit Problemen und Konflikten, die man selbst nachvollziehen kann. Ihre Helden haben dabei eine einfache Botschaft: Mit etwas eigener Anstrengung und unserer Hilfe kannst du dein Problem lösen.

Die Mutter all dieser Lebenshilfeformate war das britische Format „Die Super Nanny“. RTL schickte die Diplompädagogin Katharina Saalfrank 2004 in die Kinderzimmer Deutschlands, um verhaltensauffällige Kinder und überforderte Eltern zu beraten. Die Sendung ging oft hart an die Grenze, da wurde vor den Augen der Nanny gebrüllt, geprügelt, geheult. Saalfrank gab inmitten des Chaos die strenge Domina der Bastelecke. Man sah vorzugsweise sozial schwachen Familien beim Verzweifeln zu, es entstand der Eindruck, Kinder haben wollen die Armen, aber erziehen können sie die Kleinen nicht – Sozialporno für die Mittel- und Oberschicht.

Mit dem Schuldnerberater Peter Zwegat kam 2007 ein anderer Typus ins Realfernsehen. In seiner Sendung „Raus aus den Schulden“ (RTL, Mi 21.15 Uhr) hilft der trockene Buchhaltertyp überschuldeten Menschen. Väterlich, sachlich und professionell werden da Außenstände analysiert und Entschuldungspläne gemacht, ohne die Klienten brutal vorzuführen. Die neuen Fernsehcoaches wie Zwegat und Sonnenburg gehen in ihren Sendungen respektvoll mit den Leuten um, zumindest in der Mehrzahl der Fälle. Sie reden, sie urteilen nicht.

Coachingformate wie diese beziehen ihre Existenzberechtigung nicht nur aus den guten Quoten und den niedrigen Produktionskosten. Viele Zuschauer haben heute ein Bedürfnis nach Lebenshilfe im TV. Wer Sorgen hat und den Gang zum Profi noch scheut, sucht sich oft Anregungen in einer Realitysendung. Quasi als ersten Schritt zur Therapie.

Realityfernsehen kann den Zuschauern Lösungsmöglichkeiten für Probleme aufzeigen: Davon ist Ernst Andreas Kolb überzeugt. Der 40-jährige Rechtsanwalt und Mediator aus Berlin gibt in der neuen RTL-Serie „Nachbarschaftsstreit – Kolb greift ein“ den Vermittler bei wilden Konflikten am Gartenzaun. „Es ist mir ein Anliegen, den Leuten zu zeigen, dass man mit Reden viele Auseinandersetzungen entschärfen und so auch langwierige, teure Rechtsstreitigkeiten vermeiden kann“, sagt Kolb.

Anders als in konventionellen Beratungsformaten geht es nicht mehr darum, die Wohnung zu verschönern, abzunehmen oder Fellpflegetipps für die Hauskatze zu bekommen. Sonnenburg, Zwegat und Kolb blicken auf gesellschaftliche und soziale Probleme, mit denen auch die Politik ringt.

„Politik kann ich mit der Sendung natürlich nicht machen, aber Bewusstsein schaffen und die Leute sensibilisieren“, sagt Sonnenburg. Seine Mission für Jugendliche übe er stattdessen in politischen Gesprächssendungen und Gremien aus, in der er als TV-Experte eingeladen wird. Fürs Fernsehen begleitet er die Straßenkinder und ihre Familien jeweils ein Jahr lang. Auch wenn eine Staffel abgeschlossen ist, bleibt er mit manchen Klienten in Kontakt. „Heute hat mir ein Mädchen, das wir betreuen, zum ersten Mal davon erzählt, wie sie sich prostituiert hat. Und morgen muss ich nach Frankfurt, weil ein Junge dort Besuch von der Polizei bekommen hat“, erzählt Sonnenburg in einer Drehpause. „Das ist Streetworker-Alltag.“

Niederlagen gehören zum Job: „Ich zeige den jungen Leuten Wege auf. Welchen Weg sie dann wählen, ist ihre Entscheidung.“ Manchmal gibt es kein Happy End. Wie bei David, jenem Jungen, der sich trotz intensiver Betreuung und guten Aussichten nach der ersten Staffel umbrachte. Auch ein Schock für Sonnenburg, der in diversen TV-Runden über den Fall sprach. Oder wie bei Jenny, die jetzt 18 ist und somit selbst über ihr Leben entscheiden kann – sie entscheidet sich gegen einen Neuanfang. „Ich weiß, dass sie jeden Tag auf der Schönhauser Allee sitzt und trinkt. Ich muss damit rechnen, dass sie nächstes Jahr stirbt, und kann nichts tun“, sagt der Coach. Mit Verlusten muss man in diesem Job umgehen können. So ist das Leben.

Das Leben mit all seinen Facetten bekommt jetzt auch sein RTL-Kollege Ernst Andreas Kolb direkt mit – manchmal direkter, als es der dezente Anwalt und Familienrechtsexperte mit Berliner Kanzlei gewohnt ist. Als sich die Fernsehmacher auf der Suche nach einem Mediator für die Sendung „Nachbarschaftsstreit“ an ihn wandten, war er anfangs skeptisch. „Ich wusste nicht, ob sich mein diskreter Beruf und die Kamera vertragen“, erinnert er sich. Doch dann siegte der Wunsch, aufklärerisch zu wirken und den Normalverbrauchern seinen Zweitberuf, die Mediation, vorzustellen. Denn bei allen hehren Anliegen profitieren die Coaches natürlich auch stark von ihrem Fernsehruhm. Wer einen Mediator sucht, wird sich am liebsten an den aus dem Fernsehen wenden; wer ein Buch über Familienprobleme braucht, wird sich vertrauensvoll das Werk kaufen, an dem der TV-Sozialarbeiter Sonnenburg gerade schreibt.

Die ersten Folgen von Kolbs Format „Nachbarschaftsstreit“ sind gerade gelaufen, nun wird über die Fortsetzung verhandelt. Grillfreudige Hartz-IV-Empfänger gegen pedantische Kleinbürger, lautstarke Schrebergärtner gegen gelangweilte Porschefahrerinnen – und der Mediator im Anzug steht etwas steif dazwischen. Zurückhaltend, manchmal fast schüchtern beruhigt Kolb die Streithanseln und versucht ihnen zu zeigen: Auch der Gegner hinterm Zaun hat Gefühle.

Der TV-Ruhm hat allerdings eine Kehrseite für die Experten. Je erfolgreicher sie sind, umso mehr frisst sie das TV-Geschäft auf. Sozialarbeiter Sonnenburg ist etwa seit März dauernd für Drehs unterwegs. Ohne die Supervision einer Kollegin, die ihn seit Jahren begleitet, wäre das nicht zu schaffen, sagt er. Er hat sein ganzes Leben der Sendung unterstellt. Irgendwann wird das so wahrscheinlich nicht mehr funktionieren, sagt er. Sonst droht ein Burnout – und der Sozialarbeiter der Nation wird selbst zum Fall für die Therapeutencouch.

Von: Julia Ortner

Gefunden auf: www.falter.at

« zurück

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 11.01.2010 in der Berliner Zeitung

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 05.01.2010 im Koelner Express

Medienecho

Thomas Sonnenburg in Focus Schule (Januar 2010)

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 05.01.2010 in Hallo Sonntag

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 02.10.2010 in Hey

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 23.12.09 in Hoerzu

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 13.01.2009 in der Mitteldeutschen Zeitung

Medienecho

THomas Sonnenburg am 05.01.2010 in der NRZ

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 20.01.2010 in der Neuen Presse

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 20.01.2010 in der Ostthueringer Zeitung

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 16.01.2010 in den Ruhr Nachrichten

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 22.01.2010 in Super TV

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 23.12.2009 in TV Spielfilm

Medienecho

Thomas Sonnenburg im Januar 2010 in der Thueringischen Landeszeitung

Medienecho

Thomas Sonnenburg in Top of the Pops 02 10

Medienecho

Thomas Sonnenburg am 05.01.2010 in der BILD-Zeitung


Medien-Echo

Hier finden Sie einige ausgewählte Artikel und Berichte über Thomas Sonnenburg und über die RTL-Serie "Die Ausreißer - Der Weg zurück" aus den Medien.

» Archiv (ältere Artikel und Berichte)