Streetworker Thomas Sonnenburg holt seit einigen Wochen wieder bei RTL Ausreißer zurück. Mit X-ray sprach er über seine Arbeit und sein Verhältnis zu den Teenagern.
Herr Sonnenburg, sind Sie eigentlich selbst mal von zu Hause abgehauen?
Sonnenburg: Nein, bin ich nicht. Aber auch nicht jeder, der in der Drogenprävention arbeitet, muss mal abhängig gewesen sein. Ich arbeite einfach gerne mit Menschen zusammen und liebe es, sie zu motivieren.
Schon bevor Ihre Sendung bei RTL an den Start ging, waren Sie 14 Jahre als Streetworker tätig. Nehmen die Jugendlichen Sie anders wahr, seitdem Sie von einer Kamera begleitet werden?
Sonnenburg: Nein, die Kamera spielt nach kurzer Zeit eigentlich keine Rolle mehr. Es ist aber ganz wichtig, dass ich immer mit demselben Kameramann arbeite, der auch eine Bezugsperson darstellt. Mittlerweile wissen die meisten Jugendlichen außerdem, wer wir sind und was wir machen. Erstaunlicherweise ist es deshalb jetzt einfacher für uns, in eine größere Menge zu gehen. Neulich haben mir zum Beispiel Punks in Hamburg bereitwillig Auskunft gegeben, als ich einen Ausreißer gesucht habe. Da hat keiner gesagt: "Ey Alter, mach die Kamera aus oder ich hau dir auf die Schnauze."
Wie erklären Sie sich das?
Sonnenburg: Sie scheinen erkannt zu haben, dass wir uns wirklich kümmern. Wir bilden nämlich nicht nur das Leben der Straßenkinder ab und gehen dann wieder. Wir bleiben. Jugendliche merken schnell, ob jemand auch das hält, was er verspricht. Ich bin kein Arsch, der sie nur für gute Einschaltquoten missbraucht. Ich versuche, ihre Stärken zu erkennen und zu fördern und mit ihnen einen gemeinsamen Weg zu gehen.
Wie schnell merken Sie, ob die Chemie zwischen Ihnen und dem jeweiligen Ausreißer stimmt?
Sonnenburg: Sofort. In meiner Karriere habe ich schon einige Male die Zusammenarbeit beendet, weil der Jugendliche nicht gewillt war, sein Leben zu verändern. Ich bin ja nicht der Entertainer seines Lebens, der ihm alles in den Hintern steckt. Ich kann ihm meine Hilfe anbieten, aber er sollte diese Unterstützung auch wollen.
Haben sich die Probleme der Jugendlichen im Laufe der vergangenen Jahre verändert?
Sonnenburg: Sie haben sich auf jeden Fall verschärft. Der Druck auf junge Menschen " in der Schule oder im Elternhaus - ist wesentlich härter geworden. Und das gilt nicht nur für die "Aussätzigen", die am Rande der Gesellschaft leben. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wer den Anschluss verpasst, ist ganz schnell raus. Und wer dann keine Unterstützung oder Hilfe erhält, dem geht es schlecht.
Wie gehen Sie vor, wenn Ihre Hilfe angenommen wurde?
Sonnenburg: Bei mir dürfen die Jugendlichen erst einmal alle Wünsche und Träume äußern, die sie haben. Dann muss allerdings auch klar werden, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. Sie müssen sich beteiligen, sonst wird es schwierig. Ein gutes Zeichen ist, wenn die Jugendlichen wieder mit ihren Eltern zu reden beginnen. Auch wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern besser geworden ist, versuche ich nicht mit Gewalt, die Ausreißer wieder heimzubringen. Ich finde es manchmal sinnvoller, wenn die Jugendlichen in einer Jugendhilfeeinrichtung gut aufgehoben sind und mit ihren Eltern Kontakt haben, als wenn sie sich daheim die Köpfe einschlagen. Deshalb heißt die Sendung auch "Der Weg zurück" und nicht "Ausreißer kommen zurück". Der Weg zurück kann alles sein: ins Leben, ins Jugendamt, zu den Eltern.
Wie danken es Ihnen die Jugendlichen, wenn der Weg zurück ins Leben gelungen ist?
Sonnenburg: Erst gestern hat mir der Freund einer Ausreißerin eine SMS geschrieben: "Danke Thomas, dass du für meine Freundin da warst. Du warst für sie die vertrauenswürdigste Person im ganzen letzten Jahr." So etwas ist für mich mehr Motivation als zum Beispiel ein Fernsehpreis. Denn das ist mein Handwerk.
Ein schwieriges Handwerk?
Sonnenburg: Viel Erfahrung und ein gutes Einfühlungsvermögen können auf jeden Fall nicht schaden. Außerdem geht es um Beziehungsarbeit. Dieser Verantwortung bin ich mir mehr und mehr bewusst geworden. Das macht es aber auch schwierig für mich selbst, weil ich kaum Ruhe finde. Der Druck auch auf mich ist enorm groß. Der Fokus der Öffentlichkeit und die eigentliche Arbeit sind brutal. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich das noch durchhalten kann. Aber ich sehe eben sehr viel Sinn in meiner Arbeit.
Welchen Sinn hat Ihre Arbeit bei den Fernsehzuschauern oder Lesern, die selber keine Hilfe benötigen?
Sonnenburg: Für mich ist es ein großer Erfolg, wenn Menschen zum einen erkennen, dass die Jugendlichen, die auf der Straße leben, keine Randgruppen sind, sondern Bestandteile unserer Gesellschaft. Zum anderen wäre es schön, wenn ich es schaffe, mehr Sensibilität und Solidarität in unsere Gesellschaft zu tragen. Ich möchte, dass die Menschen mehr hingucken und mehr reden. Sie sollen merken, dass der Jugendliche, der da sitzt, ein Mensch und kein Asi-Punk ist - mit einem Gesicht und einer vielleicht ganz tragischen Geschichte.
Hintergrund
2008 startete die Doku-Sendung ,,Die Ausreißer - Der Weg zurück" bei RTL. Vor kurzem erschien ein gleichnamiges Buch zur Sendung (Foto), in dem der 46-Jährige auf 240 Seiten anhand von beispielhaften Schicksalen versucht, die Faszination seines Berufes zu beschreiben. Derzeit laufen jeden Mittwoch um 21.15 Uhr die Folgen der dritten Staffel bei RTL. Heute ist Thomas Sonnenburg in Berlin unterwegs, um dem 15-jährigen Nico zu helfen. Seit mehr als einem Jahr kommt Nico abends nicht mehr nach Hause und verschwindet oft tagelang. Der Teenager kifft und ist gewalttätig gegenüber seiner Familie.
Autor: Gunnar
Gefunden auf: www.rga-online.de
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